Zum Massenselbstmord von Wildenhagen 1945

Aus der Reihe “Richtstellungen zur Zeitgeschichte Der Große Wendig” Band 4, Seite 477 Herausgegeben 2007 von Grabert Verlag, 72006 Tübingen, Postfach 1629

Seit Bundespräsident Richard von Weizsäckers Rede am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht wird dieses Datum den deutschen als „Tag der Befreiung“ eingebläut. Doch wie die Wirklichkeit aussah und wie die „Befreier“ handelten, wird verschwiegen. Zigtausende deutsche Frauen in Ostdeutschland, die nicht früh genug fliehen konnten um sich und ihren Kindern ein ähnliches Schicksal, wie es den Opfern des sowjetischen Massakers von Nemmersdorf 1944 ereilte, zu ersparen, begingen mit ihren Kindern Selbstmord. Bezeichnenderweise ist über diese Geschehen noch keine Monographie veröffentlich worden. Auch wurde dieses Thema von deutschen Historiker bisher nicht untersucht.

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Die Kinder von Wildenhagen. (Foto WDR) Jedes vierte Kind wurde ermordet

Am Abend des 29. April 2005 strahlte das WDR-Fernsehen einen von Carmen Eckard moderierten Bericht über die furchtbaren Verbrechen der Roten Armee beim Einmarsch in das Dorf Wildenhagen aus1.

In Wildenhagen, einem Dorf östlich von Frankfurt an der Oder und im heute von Polen verwalteten Ostgebieten, geschah am 31. Januar 1945 Schreckliches. Als die Sowjets heranrückten, deren Grausamkeiten bekannt waren, nahm sich ein Viertel der Dorfbevölkerung das Leben. „Mütter und Großmütter töteten ihre Kinder und Enkel mit allem was gerade greifbar war; Sie erhängten sich mit Schnüren, schnitten sich die Pulsadern auf oder griffen zum Beil. Aber nicht nur hier kam es zu solchen Verzweiflungstaten. Carmen Eckard berichtete von einer nahegelegenen Stadt, in der eine Menschenmenge im örtlichen Gaswerk den Hahn aufdrehte und kollektiven Suizid beging.“1.

In dem Ort Demmin ertränkten sich rund 900 Einwohner (von 15 000) aus Angst vor den Russen in den Flüssen Peene und Tollense. Während der DDR-Zeit wurden die Toten von Demnin verschwiegen.

Ein FAZ-Rezensent ist der Meinung, dass die Bevölkerung nicht einfach nur von der „Goebbels-Propaganda“ fanatisiert worden sei und dem Bild vom sowjetischen ‚Untermensch‘ blind geglaubt hätte. Man habe wohl eher “das auf sie Zukommende” realistisch eingeschätzt und wollte die Kinder vor einem Unheil bewahren.
Diesen so zahlreich geschehenen Ereignissen wird heute nur selten Aufmerksamkeit geschenkt. Die Welt weiß alles über die den Deutschen vorgeworfenen Verbrechen, aber wenig über die Verbrechen an Deutschen.

Anmerkungen
  1. Lorenz Jäger, „Als die Russen kamen“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29 April 2005
Information

Schriftsteller: Rolf Kosiek

Quelle: Richtstellungen zur Zeitgeschichte Der Große Wendig (Band 4)

Bearbeitet von: k0nsl (i.am@k0nsl.org) und Goybbels.