Unter falschen Namen

Aus die Reihe “Richtstellungen zur Zeitgeschichte” von Dr Heinrich Wendig Hefte 8. Herausgegeben von Grabert Verlag, 72006 Tübingen, Postfach 1629

Es ist wohl bezeichnend und scheint einen tieferen Grund zu haben, daß die meisten führenden linksradikalen und kommunistischen Politiker im Laufe ihrer Karriere ihren Namen wechselten, manchmal sogar mehrfach. Sie wechselten damit ihre Identität: auch eine Art Fälschung vor der Geschichte. Das ist etwas ganz anderes, als wenn ein Schriftsteller ein Pseudonym benutzt. Die meisten Linken wind unter ihrem neuen Namen bekannt oder berüchtigt geworden, ihre Geburtsnamen sind der Öffentlichkeit weiter unbekannt. Die Erinnerung daran ist auch ein Teil einer Richtigstellung zur Zeitgeschichte. Einige prominente Fälle seien erwähnt.

Wolfgang Leonhard(1), in 1921 in Wien geboren, erlebte 1943 auf der Kominternschule von Kuschnarenkowo(2), daß jeder Kursteilnehmer eingeschärft wurde, ihm sei nicht gestattet, seinen richtigen Namen zu nennen, auch nicht alten Bekannten gegenüber. Leonhard entschied sich für den Parteinamen “Linden” und trat als Wolfgang Linden auf. Der zum Bolschewismus übergelaufene Sohn des bekannten Worpsweder Malers Heinrich Vogler(2) nannte sich auf der Kominternschule Jan Danielow. Leonhard traf dort auch seinen alten Jugendfreund aus Liebknecktschule in Mosau, Mischa Wolf(4), der in sowjetischem Dienst als Michael Storm auftrat. Zur deutschen Gruppe in Kuschnatenkowo gehörte ebenso der Altstalinist Paul Wandel aus Mannheim, der sich Klassner nannte(5). Auch in der nach 1945 in Liebenwalde, 35 Km nordöstlich von Berlin, eingerichteten Parteihochschule “Karl Marx” studierten ab 1947 deutsche Kommunisten aus Westzonen unter falschem Namen.

Im Folgenden seien einige Personen aufgeführt, die unter falschem Namen wirkten, zunächst Deutsche und in Deutschland tätige, anschließend insbesondere Osteuropäer.

Der vor wie nach 1945 als Landesverräter tätige Otto Lahn arbeitete in England ab Sommer 1944 in der Desinformationsabteilung von Sefton Delmer unter dem Namen Oskar Jürgens(6)

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Der nach dem Zweiten Weltkrieg als Oberbürgermeister von Berlin hervorgetretene Ernst Reuter, geboren 1889 in Appenrade (Nordschleswig), agierte 1919 als kommunistischer Delegierter im Hotel Lux in Moskau unter dem Namen Friesland(7)

Helmut Flieg, am 10 April 1913 in Chemnitz geboren, änderte seinen Namen in Stefan Hezm. Als jüdischer Kommunist emigrierte er im März 1933 in die Tschecho-Slowakei(8). Zwei Jahre später ging er in die USA, wo er 1937/39 Chefredakteur der linken Wochenzeitschrift “Deutsches Volksecho” in New York und während des Zweiten Weltkrieges als Sergeant einer Psychological-Warfare-Kompanie tätig war. Ab 1945 half er als amerikanischer Besatzungsoffizier bei der Umerziehung der Deutschen in der Westzonen, so als Mitbegründer der “Neuen Zeitung” in München. 1952 bat er die DDR um Asyl, wurde SED-Mitglied und schrieb dann, daß der mitteldeutsche Aufstand vom 17. Juni 1953 ein von westlichen Geheimdiensten organisiertes konterrevolutionäres Unternehmung gewesen sei. Auf Stalin hielt er große Lobreden, 1989 fürchtete er, nach dem Umschwung in Mitteldeutschland gehängt zu werden, da er sich wohl noch einen Rest von Gerechtigkeitssinn erhalten hatte. Dennoch sind ihm immer noch die Schlagzeilen der deutschen Presse offen, und er konnte 1994 als Alterspräsident und Abgeordneter der SED-Nachfolgepartei PDS den Bundestag eröffnen.

Die als Nettz Reiling in März am 19. November 1900 geborene Schriftstellerin nannte sich Anna Seghers. Sie trat 1928 der KPD bei, emigrierte 1933 nach Frankreich, dann nach Mexico, kam 1947 nach Deutschland zurück, ging in die Sowjetzone und trat der SED bei. Sie wurde auch als “literarische Heiligenfigur der DDR” bezeichnet. Sie schwieg, wo sie hätte reden sollen (zum Beispiel in dem Prozeß von 1957 gegen Harich Janka u.a.). Über 30 Jahre war sie Vorsitzende des Schriftsteller-Verbandes und Stadt Mainz muß erwähnt werden, daß sie 1977 Ehrenbürger der Universität, 1982 auch dieser Stadt wurde. Sie starb 1983.

Dr Richard Sorge, 1895 bei Baku (Südrußland) als Sohn einer russischen Mutter und eines deutschen Vater, der dort Ölingenieur war, geboren, wurde “Ika” genannt und trat 1919 der KPD bei. Er soll 1920 im Ruhrgebiet und 1923 in Hamburg am Aufstand der Kommunisten teilgenommen haben(9) und war später am marxistischen Frankfurter Institut für Sozialforschung (Frankfurter Schule) tätig, im Zweiten Weltkrieg als sowjetischer Spion in Tokio, wo er die Freundschaft des deutschen Botschafters Ott genoß. Von Tokio aus verriet er die deutsche Angriffsplanung auf Rußland sowie Japans Nichteingreifen 1941 nach Moskau. Als Spion am 18. 10. 1941 entlarvt. wurde er am 7. 11. 1944 in Japan nach einem Geheimprozeß hingerichtet.

Wilhelm Zaisser, geboren am 19. Januar 1893 in Gelsenkirchen, gestorben am 3. März 1958 in Ostberlin, war Lehrer und Reserveoffizier, seit 1918 in der USPD. Leitete 1920 die “Rote Armee” bei deren Aufstand an der Ruhr. IM Spanischen Bürgerkrieg nannte er sich General Gomez. 1945 wurde er sächsischer Innenminister. Er nannte sich auch Werner Reissner(10).

Otto Wiknzer, am 3. April 1902 in Berlin geboren, war ab 1920 Kominternmitglied und ab 1965 Außenminister der DDR. Seit 1935 über Frankreich und Holland in die Sowjetunion emigriert, betätigte er sich während des Zweiten Weltkrieg als Agitator in Kriegsgefangenenlagern in der Sowjetunion unter dem Namen Lorenz.

Der lange als Kominternagent tätige Herbert Wehner führte in seinem Leben verschiedene Namen, Kurt Funk ist wohl der bekannteste, unter dem er bei seinem ersten Moskauer Aufenthalt am 26. Oktober 1935 einen Lebenslauf verfaßte(12). Weitere Decknamen sind Müller und Stern. In Schweden wurde er am 29. 4. 1942 zu einem Jahr Gefängnis, am 12. 11. 1942 zu einem Jahr Zuchthaus wegen Spionage verurteilt. Später war er Jahrzehnte Fraktionsvorsitzende der SPD in Bundestag und ab 1966 Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen. Seinem Intimus und Fraktionsgeschäftsführer Wienaed wird derzeit der Prozeß wegen langjährige Agententätigkeit für den Stasi (und wohl auch KGB) gemacht.

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Willy Brandt wurde als Herbert Frahm geboren, gehörte der linksradikalen Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ) an, emigrierte 1933 nach Noirwegen, kam als alliierter Major nach Berlin und wurde später unter seinem neuen Namen Berliner Regierender Bürgermeister und Bundeskanzler, bis er am 7. 5. 1975 über den Spionagefall Guillaume stürzte.(A)

Hans Habe war 1911 als Sohn des jüdischen Ungarn Janos Bekessy, später Pressesprechers der ungarischen Räteregierung von 1919, in Budapest geboren. Er kam 1945 als US-presseoffizier nach Westdeutschland, gründete die ersten Zeitungen und beherrschte lange Zeit die Lizenzpresse.

Der kominternagent Leo Bauer, geboren 1912 in Skalet in Galizien, verstorben 1972 in Bonn, trat vor 1933 der KPD in Berlin, war 1933 einige Zeit inhaftiert, emigrierte nach Paris, wo er den Namen Leo Katz annahm. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges ging er in die Schweiz, wo er mit dem US-Doppelagenten Noel Field nachrichtendienstlich tätig war. 1945 baute er die hessische KPD auf, deren Fraktionsvorsitzender er im Landtag tätig war. 1949 ging er in die DDR, wurde dort verhaftet, nach Moskau ausgeliefert und dort zum Tode, dann zu 25 Jahre Haft verurteilt. 1955 kam er nach dem Adenauerbesuch in Moskau in die Bundesrepublik zurück, trat der SPD bei und wurde Berater Willy Brandts. Er führte vorbereitende Geheimgespräche mit dem Osten zur späteren Verzichtpolitik Brandts.

Fast alle führenden osteuropäischen Kommunisten wechselten ihre Namen. Bela Kum, 1886 in einem ungarischen Dorf als Sohn des jüdischen Notar Cohn geboren, machte sich 1919 zum Volkkommisar (Diktator) der ungarischen bolschewistischen Räterepublik. Nach seinem Sturz durch eine Gegenregierung ging er nach Moskau, wo er bei Stalin großer Säuberung 1937/39 zu Tode kam. Zeitweise agierte er auch unter dem Namen Karl Hermann.

Maxim Maximowitsch Litwinow war der spätere Name des jüdischen Meier Moissejewsch. Der 1987 in Bialystock geborene Bolschewik und Leninist war sowjetischer Außenminister von 1930 bis 1939, als er durch Molotow ersetzt wurde(14)

Lew Davidowitsch Bronstein wurde 1879 als Sohn eines wohlhabenden jüdischen gro0bauern in der Ukraine geboren und nannte sich ab 1902 Trotzki. Er ließ mit beispielloser Brutalität den Aufstand der kronstädter Matrosen 1921 niederschlagen, überwarf sich mit Stalin, wurde 1929 des Landes verwiesen und 1940 in Mexiko – wohl auf Stalins Geheiß – von dem mexikanischen Kommunisten Mercader, der unter dem falschen Namen des Belgiers Jacques Mornard auftrat, umgebracht.

Mit der Schwester Trozki verheiratet war Lew Borissowitsch Rosenfeld, der sich Kamenew nannte (1883 – 1936). 1917 kam er ins sowjetische Zentralkomitee, 1919 ins Politbüro, 1936 fiel er als Trozki-Anhänger Stalins große Säuberung zum Opfer.

Der jüdische Generalsekretär der tschechischen Kommunisten (1945 – 51) und stellvertretende Ministerpräsident der Tschechoslowakei (1951) Rudolf Slanskz (1901 – 1952) hieß er eigentlich Salzmann. Im Slansky-Prozeß von 1952 war die antisemitische Komponente unverkennbar.(15) Slansky wurde zum Tode verurteilt und am 3. 12. 1952 in Prag hingerichtet.

Walter Kriwizky, der sich ginsburg nannte, ist einer der interessantesten Zeitzeugen für das sowjetische System mit seinem Buch “Ich war in Stalins Dienst”(16). Im Februar wurde er in einem Washingtoner Hotel mit einem Kopfschuß tot aufgefunden.

Wjatcheslaw Michailowitsch Molotow (1890 – 1986) hieß eigentlich Skrjabin, sein Vater war der Bruder des berühmten russischen Komponisten Skrjabin. Molotow war von 1939 bis 1949 sowie 1953 bis 1956 sowjetischer Außenminister.

Wladimir Iljitsch Lenin (1870 – 1924), der Führer der bolschewistischen Revolution von 1917 und Verantwortliche für die sowjetische Schreckensherrschaft, hieß ursprünglich Uljanow.

Josef Stalin (1879 – 1953) wurde als Dschugaschwili geboren. In Batum legte er sich den georgischen Namen Koba zu(17). Er nannte sich auch Nischeradse, Tschitschikow oder Iwanowski(18).

Maxim Gorki (1868 – 1936) hieß ursprünglich Alexei Maximowitsch Peschkow, geboren in Nischm-Nowgorow, das nach 1932 Gorki genannte wurde.

Karl Radek war als Sobelsohn 1885 in einer jüdischen Familie in Lemberg geboren und versuchte als hoher Kominternfunktionär, nach 1918 in Deutschland die bolschewistische Revolution durchzuführen. Seit 1937 ist er in Moskau verschollen.

Matyas Rakosi, der Chef der kommunistischen ungarischen Emigranten in Moskau in der Zwischenkriegszeit, wurde am 9. März 1892 als Mathias Roth, Sohn des jüdischen Händler Roth, in Ungarn geboren, geriet im Ersten Weltkrieg in russische Gefangenschaft und wurde dort in einem sibirischen Lager Kommunist(19). 1945 – 52 stellvertretender Ministerpräsident, 1952/53 Ministerpräsident Ungarns. Nach dem ungarischen Aufstand von 1956 lebte er in der UdSSR.


Referenzen

  • 1 Wolfgang Leonhard, “Die Revolution entläßt ihre Kinder”, Kiepenheuer und Witsch, Köln 1955
  • 2 Kurschnarenkowo ist ein kleiner ort, rund 60 km nordwestlich von Ufa (Rußland) entfernt
  • 3 In Worpswede bei Bremen lebten in der bekannten Künstlerkolonie u.a. Otto Becker, Paula Modersohn-Becker, Heinrich Vogeler
  • 4 Mischa Wolf, der spätere Chef der Hauptverwaltung Aufklärung der DDR und Hauptverantortliche für die kommunistische Desinformation, wurde 1923 in Hechingen gebornen, sein Vorname Markus wurde zu Mischa russifiziert
  • 5 Leonhard aaO S 195
  • 6 John, der lange vor dem 20. Juli 1944 nach eigenen Angaben Landesverrat betrieben hatte – nach Delmer traf er sich ab 1942 mit britischen und amerikanischen Geheimdiensten -, ging dann nach England. Vgl- Sefton Delmer, “Die Deutschen und ich”, Nannen-Verlag, Hamburg 1961, wo Otto Jahn ein ganzes Kapitel (S 580 – 605) gewidmet ist. 1955 wurde er als in die Ostzone geflohener Chef des Bundesverfassungsschutzamtes vom Bundesverfassungsgericht wegen Landesverrat verurteilt, später von Bundespräsident Richard von Weizsäcker mit einer Pension versehen
  • 7 Ruth von Mayenburg, “Hotel Lux”, Piper-Verlag, München 1978
  • 8 FAZ vom 10. 4. 1993
  • 9 Magret Boveri, “Der Verrat im 20. Jahrhundert”, Rowohlt-Verlag, Reinbek 1976. S 353
  • 10 Mayenburg, aaO., S 238; vgl. auch Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen (Hrsg), SBZ von A bis Z, Bonn(9) 1965, S 493
  • 11 Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fargen (Hrsg), SBZ von A bis Z, Bonn(9) 1965. S. 477
  • 12 Reinhard Müller, “Die Akte Müller”, Rowohl-Verlag, Berlin 1993
  • 13 Der Spiegel, Nr 38 vom 13. 9. 1971
  • 14 Maxim Litwinow, “Memoiren, Aus den geheimen Tagebüchern”, Kinder-Verlag, München 1956
  • 15 Arthur Koestler, “Frühe Empörung. Gesammelte autobiographische Schriften”, Band 1, Verlag Frotz Molden, Wien 1970
  • 16 Walter Kriwitzky, “Ich war in Stalins Dienst”
  • 17 Gustav Hilger, “Stalin”, Musterschmidt Verlag, Göttingen (2) 1964 S 14
  • 18 Essad Bey, “Stalin” Gustav Kieoenheuer Verlag, Berlin, 1931, S 38
  • 19 David Irving, “Aufstand in Ungarn”, Albrect Knaus Verlag, München 1981, S. 24

RjH: A Willy Brandt geboren 18. Dezember 1913 in Lübeck. Er wurde 1933 steckbrieflich unter seine Name, Herbert Frahm, für Mord gesucht.

Während der deutschen Besetzung Norwegens im Zweiten Weltkrieg geriet er 1940 vorübergehend in deutsche Gefangenschaft. Da er aber bei seiner Ergreifung eine norwegische Uniform trug und nicht enttarnt wurde, konnte er nach seiner baldigen Freilassung nach Schweden fliehen. In Stockholm gründete er zusammen mit zwei schwedischen Journalisten ein Schwedisch-Norwegisches Pressebüro, das 70 Tageszeitungen in Schweden belieferte. Im August 1940 wurde ihm die norwegische Staatsbürgerschaft von der Botschaft in Stockholm zugesprochen. Bis zum Ende des Krieges blieb er in Stockholm

In Stockholm arbeitete er für jüdische Organisationen und schickte unter anderes Graulgeschichten über wie die Juden im Reich behandelt wurden. Arthur R Butz “‘The Hoax of the Twentieth Century”, 1997 ff

Information

Schriftsteller: Dr Heinrich Wendig

Quelle: k0nsl-archives

Datiert: 8/19/08

Bearbeitet von: Randulf Johan Hansen und k0nsl