Die “Nazi-Olympiade” von 1936

Source

Aus die Reihe “Richtstellungen zur Zeitgeschichte” von Dr Heinrich Wendig Hefte 10. Herausgegeben von Grabert Verlag, 72006 Tübingen, Postfach 1629

Das hundertjährliche Jubiläum der Olympiade im Jahre 1996 gab Anlaß zum Rückblick auf die früheren Olympiaden. Dabei durfte, vor allem im deutschen Fernsehen, der kritische und herabsetzende Hinweis, auf die “Bazi-Olympiade” – von 1936 nicht fehlen. Während man nichts an der Olympiade im bolschewistischen Moskau auszusetzen fand, kritisierte man ds IOC damals bereit war, die Olympiade in einem Land stattfinden zu lassen, das “die Menschenrechte der Juden mit Füßen trat”. Es wurde dabei mehrfach auf die Benachteiligung jüdischer Sportler in Deutschland hingewiesen. Wie hat eine Betroffene selbst diese Olympiade empfangen?

Olympia-1936_k0nsl

Helene Mayer (1910 – 1953) war Tochter eines jüdischen Arztes und einer nichtjüdischen Mutter, sie gehörte der jüdische Religionsgemeinschaft an. Bereits mit 13 Jahre gewann sie in Amsterdam olympisches Gold. Sie wurde 1929, 1931 und 1939 Weltmeisterin im Florettfechten. Bereits 1932 war sie zum Studium (internationales Recht) nach dem USA gegangen [1] (sie war also nicht emigriert, wie verschiedentlich behauptet wurde). Als 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen, wurde sie aus ihrem Verein ausgeschlossen.

Olympia1936_k0nsl

Trotzdem war sie bereit, 1936 in der deutschen Mannschaft mitzumachen und gewann für Deutschland die Silbermedaille (Gold gewann die ungarische Jüdin Ilona Elek-Schacher) Bei der Siegerehrung grüßte Helene Mayer mit dem §”deutschen Gruß”. Man hat das später damit zu erklären versucht, daß sie auf diese Weise ihre Mutter (ihr Vater war gestorben) und ihre Brüder habewiedersehen können (was ihr als Inhaberin eines deutschen Passes zweifellos auch sonst möglich gewesen wäre).

Die “Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt” veröffentlichte 1996 einen Brief [2], den Helene Mayer im November 1936 aus Amerika an ihre Freundinnen und Sportkameradinnen in Deutschland schrieb und in dem ihre Haltung zum Ausdruck kommt.

Sie schriebt darin:

“Ich denke sooo oft an Deutschland zurück! Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie stark, die Erinnerung in mir weiterlebt. … Und wenn ich auch einen Haufen Arbeit habe, so ist doch immer eine Viertelstunde am Tag übrig, in der ich zurückdenken kann an die herrlichen Tage in Deutschland und besonderes an Euch. Ich will keine große Lobsprüche beginnen, aber ich meine es wirklich ehrlich, wenn ich die Tage, die ich mit Euch in guter Kameradschaft verbringen dürfte, zu den schönsten meinen Lebens zähle. … Ihr wart alle so anständig und gut zu mir, und das werde ich Euch nie vergessen! … Hier in Amerika hat die Presse die Olympiade extra schlecht gemacht. Alles Propaganda gegen Deutschland! Doch hat es ihnen nicht viel benütz, da wir alle, und damit meine ich auch amerikanischen Olympiakämpfer, dagegen gearbeitet haben. Ich habe viele Reden gehalten in Clubs, Universitäten und sogar einmal im Radio (National Broadcasting Station) und habe es ihnen gesagt! Diese Schwätzer, die sich immer noch nicht beruhigen können, daß die Olympiade in Berlin der Höhepunkt aller Olympiaden war! .. Ob wir uns wohl in Wieder Zukunft wiedersehen werden? Ich weiß es nicht! Ich weiß nur, saß ich wieder nach Deutschland kommen möchte, aber dort ist sicher kein Platz für mich. … ich bin eben eins von den Menschenkindern, die von einem harten Schicksal betroffen wurden. Ich liebe Deutschland genau sehr wie Ihr, und ich fühle und denke genauso deutsch wie Ihr! …. In treuer Kameradschaft – Eure Helene Mayer”

Helene-Mayer01_k0nsl

Dieser Brief zeigt erstens, wie sehr auch Helene Mayer von den Spielen begeistert war, zweitens die Dummheiten gewisser NS-Rassenfanatiker, die eine deutsche Patriotin wie Helene Mayer aus der Volksgemeinschaft ausschlossen, und drittens, wie ein nationaler Konsens weit über den Kreis der Anhänger der NSDAP hinaus bestand, auf den aj nach Armin Mohler in seinen Buch “Der Nasenring” hinweist” [3]

Sohn-Kee-chung_k0nsl

In diesem Zusammenhang ist auch der Fall des Koreaners Sohn Kee-chung zu erwähnen, der 1936 – Korea war damals Herrschaftsgebiet Japans – unter seinem japanisierten Name Son Kitei in Berlin die Goldmedaille im Marathonlauf gewann. Anläßlich der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta wurde der nun 84 Jahre alte, in Seoul (Südkorea) lebende Sportler von einem FAZ-Journalistin gefragt “Hat es Ihnen je etwas ausgemacht , Ihren Marathonsieg bei Spielen in Nazideutschland errungen zu haben?” Der Goldmedailleninhaber antwortete darauf: “Nein, Eigentlich möchte ich über Politik nicht nachdenken. Nach meinen Sieg haben deutsche Soldaten mein Bett im Olympischen Dorf mit Rosen geschmückt. Ich habe nach meinem Sieg den japanischen Delegationsleiter gefragt, ob er ein Zusammentreffen mit Hitler arrangieren könnte. Hitler kam von der Ehrenbühne zu mir in einen dahintergelegenen Raum, was mich sehr ehrte. In Korea ginge ein Staatchef nie auf einen kleinen Sportler zu. Er hat mich mit Handschlag begrüßt, ich erinnere mich, wie groß seine Hände waren. Ich hatte sechs Hitler-Fotos mitgekriegt, und er hat sie signiert. Er glaubte, ich sei Japaner, und hat zu mir gesagt, ich solle nach meiner Rückkehr etwas für die Jugend in Japan tun. Ich habe ihm gesagt, daß ich meinen Sieg der Anfeuerung der Menge an der Strecke verdanke. DA hat Hitler gelacht und mir wohlwollend auf der Schulter geklopft”

Aber warum darf man in Deutschland eigentlich nicht stolz sein auf diese Olympiade, die ohne Terroranschläge stattfand und nach dem Urteil der angeblich rassisch benachteiligten Helene Mayer, die auch schon an der Olympiade in Amsterdam teilgenommen hatte, “der Höhepunkt aller Olympiaden” war.

Anmerkungen:

  • 1: Robert Wistrich, “Wer war wer in Dritten Reich. Anhänger, Mitläufer, Gegner aus Politik, Wirtschaft, Militär, Kunst und Wissenschaft”. Harnach, München 1983. S 184
  • 2. Brief der Helene Mayer, wird von der “Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt auf Wunsch zugeschickt.
  • 3 Armin Mohler, “Der Nasenring”. Langen Müller, München 1991. S 78 ff
  • 4 Vgl den ähnlichen Fall Jesse Owens in Heinrich Wendig, Richtstellungen zur Zeitgeschichte Hefte Nr 1, Grabert Verlag, Tübingen 1990 S 18 f

Zeit und Welt

Meinungen haben viele. Überzeugungen wenig Meinung fliegt zu aus Wort, Zeitungsblatt, Wunsch und Gerede, fliegt wieder fort mit dem nächsten Wind, klebt an den Tatsachen und ist immer dem Druck der Lift, der Massenpsychose, unterworfen. Überzeugung wächst aus Erlebnis, nährt sich an Bildung, bleibt persönlich und unteilhaft an den Ereignisse. Meinung ist Masse, Überzeugung der Mensch.

Und das Tragische der Zeot darum in einem Satz: Die Meinungen haben über die Überzeugung gesiegt. Das Gerede über Wissen. Was wir erleben, ist Opportunismus. Man sieht die Wortführer ganz leise von der Tischen aufstehen, an denen sie gesessen haben, und sich heimlich hinüberschieben zu den anderen und, kaum dort niederbelassen, so tun. Als ob sie Leben lang dort gewesen. Einige haben so dreimal so ihrer Platz gewechselt . Vergeßlich gegen sich selbst, zählen sie auf die Vergeßlichkeit der anderen.

Stefan Zweig

Alle Bilder sind dem Buch “Die olympische Spiele 1936,” entnommen. Das Buch wurde vom „Cigaretten-Bilderdienst Altona-Bahrenfeld” herausgegeben.

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *