Das Rote Kreuz

Es gibt einen Bericht über die „Judenfrage“ in Europa während des zweiten Weltkrieges und die Bedingungen in den deutschen Konzentrationslagern, der einzigartig in seiner Ehrlichkeit und Objektivität ist, den 3-bändigen REPORT DES INTERNATIONALEN KOMITEES des ROTEN KREUZES über seine Aktivitäten während des Zweiten Weltkrieges, Genf, 1948.

Diese umfassende Bestandsaufnahme aus einer vollkommen neutralen Quelle wiederholte und erweiterte die Angaben in zwei früheren Arbeiten: „Documents sur l’activité du CICR en faveur des civils détenus dans les camps de concentration en Allemagne, 1939-1945“ (Geneva, 1946),
und „Inter Arma Caritas: The Work of the IKRK during the Second World War“ (Geneva, 1947).

Die Autorengruppe unter der Leitung von Frederic Siordet erklärte in der Einführung, dass ihr Ziel, in der Tradition des Roten Kreuzes,
strikte politische Neutralität gewesen sei. Gerade darin liegt der große Wert dieses Werkes.

Das IKRK berief sich mit Erfolg auf die (Militär-bezogene) Genfer Konvention * Klick * von 1929, um Zugang zu
den Zivil-Internierten zu erlangen, die in Mittel- und Westeuropa durch deutsche Behörden festgehalten wurden.
Dagegen gelang es dem IKRK nicht, eine Tätigkeit in der Sowjetunion zu entfalten, die der Konvention erst gar nicht beigetreten war.
Die Millionen der Zivil- und Kriegsgefangenen der UdSSR, deren Haftbedingungen weltweit bei weitem
die schlimmsten waren, waren völlig von internationalem Kontakt oder Betreuung abgeschnitten.
(Anm.: Ebenso wurde das IRK von seinen Hilfstätigkeiten in sämtlichen Gefangenenlagern
(kurz vor und nach Kriegsende) auf deutschem Boden von den Alliierten ausgeschlossen!
)

Der Bericht des Roten Kreuzes ist wertvoll, als er zunächst Klarheit darüber schafft, welche rechtlichen Grundlagen die Internierung von Juden in den KL’s hatte, nämlich Internierung als feindliche Ausländer. Der Bericht beschreibt eine zweite Kategorie von Zivil-Internierten, nämlich “Zivilisten, die (als ,Schutzhäftlinge’) aus administrativen Erwägungen festgesetzt waren, auf Grund politischer oder rassischer Motive, da sie als Gefahr für den Staat oder die Besatzungskräfte angesehen wurden” (Vol. 111, p. 73). Diese Kategorie von Gefangenen, ergänzt der Bericht, seien auf der gleichen rechtlichen Grundlage inhaftiert worden wie Personen, die nach allgemeinem Recht aus Sicherheitsgründen gefangen gesetzt wurden (P.74).
(Anm.: Siehe dazu auch: Deutsche ZIVILISTEN als Internierte in den US…] * Klick *)

Der Bericht verschweigt [color=lime]nicht, dass die deutschen Behörden zuerst zögerten, die Betreuung durch das RK von Personen zuzulassen, die aus Gründen der allgemeinen Sicherheit festgehalten wurden, aber im Laufe des Jahres 1942 erreichte das IKRK weitreichende Zugeständnisse von Deutschland.

Von August 1942 an wurde die “Verteilung von Essenspaketen in den größeren Lagern zugelassen und von Februar 1943 an wurde dies auf alle anderen Lager und Gefängnisse erweitert”(Vol. 111, p. 78). Das IKRK hatte bald ständige Verbindung zu den Lagerkommandanten und begann ein Nahrungshilfeprogramm, das bis in die letzten Kriegsmonate in Funktion war, eine Flut von Dankesbriefen jüdischer Internierter erreichten das IKRK.

Die Empfänger der Hilfslieferungen waren Juden

Der Bericht stellt fest, dass “täglich 9.000 Pakete gepackt wurden.
Von Herbst 1943 bis Mai 1945 wurden 1,112.000 Pakete im Gesamtgewicht von 4.500 Tonnen an die Lager ausgeliefert”
 (Vol. III, p. 800).
Außer Nahrungsmitteln enthielten die Hilfspakete Kleidung und pharmazeutische Artikel.

“Pakete wurden nach Dachau, Buchenwald, Sangerhausen, Sachsenhausen, Oranienburg, Flossenbürg, Landsberg am Lech, Flöha, Ravensbrück, Hamburg-Neuengamme, Mauthausen, Theresienstadt, Auschwitz, Bergen-Belsen, Lager in Mitteldeutschland und Süddeutschland gesandt.
Die Empfänger waren vor allem Juden aus Belgien, Holland, Frankreich Griechenland, Norwegen, Polen und staatenlose Juden”
 (Vol. III, p. 83).

Im Verlauf des Krieges war das IKRK in der Lage, Hilfslieferungen im Wert von mehr als 20 Millionen Schweizer Franken zu überbringen und zu verteilen, die von jüdischen Wohlfahrtsorganisationen der ganzen Welt gesammelt worden waren, insbesondere vom “American Joint Distribution Committee of New York” (Vol. I, p. 644).
Die deutsche Regierung gestattete dieser Organisation bis zum Kriegseintritt der USA, Büros in Berlin offen zu halten.

Das IKRK brachte Beschwerden vor, Behinderungen ihres gewaltigen Hilfsprogramms für jüdische Internierte
rührten nicht von den Deutschen, sondern von der strikten Blockade Europas durch die Alliierten.
Die meisten Einkäufe von Lebensmitteln erfolgten [mussten daher] in Rumänien, Ungarn und der Slowakei [getätigt werden].

Das IKRK rühmte besonders die ausgesprochen liberalen Zustände in Theresienstadt, die dort bis zum letzten Besuch im April 1945 vorherrschten.

Dieses Lager, “in das über 40.000 Juden aus verschiedenen Ländern deportiert worden waren, war ein vergleichsweise privilegiertes Ghetto” (Vol. III, p. 75). Der Bericht führt an, “Die Gesandten des IKRK konnten das Lager in Theresienstadt besuchen, das ausschließlich für Juden bestimmt war und in dem Sonderbedingungen galten”.

Nach den Aussagen des IKRK war dieses Lager als Experiment von einer Anzahl Prominenter aus der Führungsspitze des Reiches errichtet worden. Diese Männer wollten den Juden die Mittel in die Hand geben, in einer Stadt ein Gemeindeleben in Selbstverwaltung und beinahe vollständiger Autonomie aufzubauen. “Zwei Gesandte konnten das Lager am 6. April 1945 visitieren. Dabei wurde der vorteilhafte Eindruck bestätigt, den sie bei früheren Besuchen gewonnen hatten” (Vol. I, p. 642).

Das IKRK sprach sich positiv über das Regime von Ion Antonescu des faschistischen Rumäniens aus, wo das Komitee sehr weitreichende Hilfe für die 183.000 rumänischen Juden leisten konnte. Nach der Besetzung durch die SU kam diese Hilfe zum Stillstand und das IKRK beklagte in bitteren Worten, dass es zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Lieferungen nach Russland hätte durchführen können.” (Vol. II, p. 62).
Das gleiche geschah in zahlreichen deutschen Lagern nach der “Befreiung” durch die Russen.

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Die tägliche Todesrate (= gewichtet auf den Monat) im KL-Komplex Ausschwitz.Basierend auf (bis dato vorhandenen?) Lagerbücher.

Das IKRK erhielt eine Flut von Post aus Auschwitz bis zu den Tagen der russischen Besetzung, als zahlreiche Internierte nach dem Westen evakuiert wurden. Die Bemühungen des IKRK waren erfolglos, Hilfslieferungen an jene Internierten zu senden, die nach der Übernahme der Lager durch die Sowjets in Auschwitz verblieben waren. Hilfspakete konnten jedoch weiterhin an frühere Internierte des Lagers Auschwitz geliefert werden, die in Lager wie Buchenwald oder Oranienburg evakuiert worden waren.

[…]

Einer der wichtigsten Aspekte des RK-Berichts liegt darin, dass er die wahre Ursache der Todesfälle aufklärt, die in den Lagern nachweislich zu Kriegsende zu beklagen waren. Der Bericht sagt: “Unter den chaotischen Zuständen nach der Invasion erhielten die Lager in den letzten Kriegsmonaten zu wenige Lebensmittellieferungen und der Hunger forderte steigende Opferzahlen.

“ … Die deutsche Regierung, die von dieser Lage bestürzt war, trat schließlich selbst an das IKRK heran, am 1. Februar 1945.
Im März 1945 ergaben Gespräche zwischen dem Präsidenten des IKRK und dem General der SS Kaltenbrunner entscheidende Resultate.
Hilfe konnte durch das IKRK selbst verteilt werden und jedem Lager wurde ein ständiger autorisierter Vertreter zugewiesen
(Vol. III, p. 83).
(Anm.: Ein solcher Vertreter des IKRK war auch bei der “Befreiung” des KL-Dachau * Klick * mit Victor Maurer anwesend.)

Die deutschen Behörden waren offensichtlich aufs Äußerste bemüht, die schlimme Lage zu erleichtern, wo immer sie nur konnten.
Das RK stellt ganz ausdrücklich fest, dass Lebensmittellieferungen zu dieser Zeit wegen der alliierten Bombardierung der deutschen
Transportwege zum Erliegen kamen. Im Interesse der inhaftierten Juden hatten sie bereits am 15. März 1944 eine offizielle Protestnote
an die Alliierten gerichtet, die “die barbarische Luftkriegsführung der Alliierten” verurteilte (Inter Arma Caritas, p. 78).
Am 2. Oktober 1944 sprach das IKRK gegenüber dem deutschen Auswärtigen Amt die Warnung aus, das deutsche Transportsystem
stehe unmittelbar vor dem Zusammenbruch und dies müsse unausweichlich Hunger für die Menschen in Deutschland zur Folge haben.

[…]

Der Bericht verschweigt nicht, dass die Juden, wie so viele Volksgruppen,
in den Kriegszeiten Härten und Entbehrungen zu erdulden hatten.

[…]

Was die natürliche Todesrate betrifft, macht der Bericht darauf aufmerksam, dass die meisten jüdischen Ärzte
aus den Lagern dazu eingesetzt waren, an der Ostfront Typhus zu bekämpfen, mit der Folge, dass sie nicht
zur Verfügung standen, als 1945 Typhusepidemien in den Lagern ausbrachen (Vol. I, p. 204 ff).

[…]

“Nicht nur die Waschplätze wurden von den Vertretern des RK inspiziert,
sondern auch die Installationen für die Bäder, Duschen und Wäscherei-Räume.
Sie mussten oft tätig werden, um allzu primitive Installationen verbessern,
um sie instand setzen oder erweitern zu lassen”
 (Vol. III, p. 594).

Nicht alle Juden waren interniert

Band 3 des Berichtes, Kap.3 (“I. Jewish Civilian Population”) beschäftigt sich mit Hilfsaktionen des RK für “den jüdischen Anteil der freien Bevölkerung”, und aus diesem Kapitel geht offenkundig hervor, dass keineswegs die Gesamtheit der europäischen Juden in Lager gebracht wurde, sondern dass viele als Teil der freien Zivilbevölkerung verblieben, wenn auch unter gewissen Einschränkungen. Dies steht im direkten Widerspruch zu der behaupteten “Gründlichkeit” des angeblichen “Vernichtungsprogramms”, und mit dem Anspruch in den gefälschtenHöss-Memoiren, Eichmann sei davon besessen gewesen, jeden Juden zu greifen, den er nur in die Finger bekommen könne.

Für die Slowakei, wo Eichmanns Assistent Dieter Wisliceny das Kommando hatte, stellt der Bericht beispielsweise fest,
“Ein großer Teil der jüdischen Minderheit hatte die Erlaubnis, im Land zu bleiben, und zu Zeiten galt die Slowakei als verhältnismäßig sicherer Zufluchtsort für Juden, besonders für Juden aus Polen. Diejenigen, die in der Slowakei blieben, scheinen bis Ende 1944 in relativer Sicherheit gelebt zu haben, als ein Aufstand gegen die deutschen Truppen stattfand. Es ist zwar richtig, dass das “Gesetz vom 15.Mai 1942″ zur Verhaftung von einigen tausend Juden führte, aber diese Personen lebten in Lagern, wo Essen und Unterbringung nicht zu beanstanden waren, und in denen den Internierten erlaubt wurde, bezahlte Arbeit unter fast den gleichen Bedingungen anzunehmen, wie auf dem freien Arbeitsmarkt” (Vol. I, p. 646).

Nicht nur, dass einer erheblichen Anzahl der etwa 3 Millionen europäischen Juden die Internierung überhaupt erspart blieb, die Auswanderung der Juden setzte sich den ganzen Krieg über fort, im allgemeinen über Ungarn, Rumänien und die Türkei. Nach Beendigung der Kriegshandlungen wurde die Auswanderung aus besetzten Gebieten vom Deutschen Reich ebenfalls erleichtert, etwa im Falle polnischer Juden, die vor der Besetzung Frankreichs dorthin emigriert waren: “Die Juden aus Polen, die in Frankreich Einreisevisa für die USA erhalten hatten, wurden von den deutschen Besatzungsbehörden als US-Bürger behandelt und auch etwa 3.000 Pässe südamerikanischer Staaten, die an Juden ausgegeben worden waren, wurden anerkannt” (Vol. I, p. 645). Als zukünftige US-Bürger wurden diese Juden im für US-Ausländer bestimmten Lager Vittell in Südfrankreich festgehalten.

Die Auswanderung europäischer Juden verlief den gesamten Krieg über völlig unbehindert von den deutschen Behörden.
“Bis zum März 1944″, führt der RK-Bericht aus, “konnten Juden, die über ein Einreisevisum für Palästina verfügten, frei aus Ungarn
ausreisen”
 (Vol. I, p. 648). Sogar nach der Ablösung der Horthy-Regierung (1944, nach Angeboten eines Waffenstillstands
an die SU)
 zugunsten einer eher von Deutschland abhängigen Regierung, setzte sich die Auswanderung der Juden fort.

Das Komitee erreichte eine Bürgschaft von Großbritannien und der USA, “die Auswanderung von Juden aus Ungarn mit allen Mitteln
zu unterstützen”
, und erhielt von der Regierung der USA die Aussage “die Regierung der USA  wiederholt nun ihre Zusicherung, dass
sie Anordnungen treffen wird, alle Juden aufzunehmen, die unter den jetzigen Umständen Ungarn verlassen dürfen”
 (Vol. I, p . 649).

[…]

Original Aufsatz und (englischsprachige!) Quelle: http://thunderbay.indymedia.org/news/2005/01/18220.php

[ Editiert von Administrator Schwabe am 23.10.07 20:49 ]

Schwabe

Interessantes Fundstück im Netz:

Zitat:

Typhus ist nicht gleich Fleckfieber!

Sehr geehrte Herren,

mit Interesse lese ich die Aufsätze über Fleckfieberbekämpfung mit einem physikalischen Verfahren, der Erhitzung durch Mikrowelle.
Leider wird immer wieder einmal nur von “Typhus” gesprochen, wo es Fleckfieber heißen muss:

* Rickettsia prowazeki, durch Läuse übertragen, verursacht Fleckfieber;

* Salmonella typhi, u.a. durch Hygiene-Mängel über Lebensmittel oder Trinkwasser verbreitbar,
verursacht den Typhus oder Unterleibstyphus.

Wenn von Schutzimpfungen geredet wurde, ist meistens Typhus gemeint, gegen den in Deutschland
in der Wehrmacht häufig geimpft wurde, in der Zivilbevölkerung je nach Seuchen-Lage.

Vielleicht für Sie oder von allgemeinem Interesse ist, dass mit diesen vorbeugenden Impfaktionen
auch die polnischen Bevölkerungsteile unter deutscher Hoheit erfasst werden sollten.
Das belegt die in Kopie beigegebene Verordnung vom 12.3.1943 für den Warthegau.
Eine Übersichtskarte des betroffenen Gebietes füge ich ebenfalls in Kopie bei.
(Anm.: Die Übersichtskarte war bei der Quelle leider nicht mit aufgeführt.)

Mit Sicherheit geht daraus hervor, dass Typhus-Impfstoff nicht über dunkle Kanäle besorgt werden musste, um Polen Impfschutz zu geben.
Anders verhält es sich natürlich, sofern es sich wirklich um einen in Erprobung befindlichen Impfstoff gegen Fleckfieber gehandelt haben sollte.
Ob und wie weit der damals verfügbar war, entzieht sich meiner Kenntnis.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. H.O.

Schwabe

Zitat:

Zur Frage der Fleckfieber-Epidemien im Zweiten Weltkrieg, Teil 1

Warum wurde das DDT so spät eingesetzt?

Professor Dr. R. Clarence Lang

Wie im Ersten Weltkrieg hat auch im Zweiten das furchtbare Fleckfieber in Epidemien insbesondere in Osteuropa und in Lagern vielen Tausenden von Menschen das Leben gekostet. Mit dem DDT war ein billiges und einfach anzuwendendes Mittel erfunden worden, das sicher gegen den Überträger der Krankheit wirkt. Nachdem der amerikanische Wissenschaftler bereits in der DGG 87/2 (S. 24/25) die bisher kaum behandelte Frage kurz angeschnitten hat, warum das DDT in den letzten Kriegsjahren auch vom Internationalen Roten Kreuz oder anderen Hilfsorganisationen nicht angewendet wurde, behandelt er nachfolgend ausführlich dieses Problem und legt dessen Hintergründe dar.

Denkt man an die Stätten entscheidender Ereignisse des Zweiten Weltkrieges, so kommen einem wie selbstverständlich die Namen Stalingrad, Dresden, Hiroshima und Nagasaki in den Sinn. Neapel dagegen, wo ab Dezember 1943 millionenfache Entlausungen durchgeführt wurden, tritt gegen die genannten Städte und kriegsentscheidenden Ereignisse in den Hintergrund. Was dort geschah, scheint nicht im entferntesten mit den anderen Ereignissen vergleichbar zu sein.

Und doch ist die Aktion in dieser Stadt von hoher Bedeutung und sollte daher nicht übersehen werden.
Sie war eng verbunden mit der militärischen, Befreiung Neapels durch die Alliierten und wiederholte sich, als
die Alliierten ähnliche Entlausungsaktionen in KZ-Lagern wie Bergen-Belsen, Dachau und Buchenwald durchführten.

Neapel erlebte als erste europäische Stadt im Dezember 1943 den dramatischen Beginn der Überwindung des Jahrtausende hindurch wütenden Todesbringers »Typhus« – oder wie man in Deutschland sagt: Fleckfieber. Möglich wurde der Sieg über diese furchtbare Seuche durch die Erfindung und Anwendung des DDT-Puders (Abkürzung für: Dichloro-diphenyl-trichloroäthan). Das Fleckfieber wird von der Rickettsia prowazeki verursacht und durch die Kleiderlaus (Pediculus vestimenti) übertragen; es ist ansteckend. Frei von Läusen zu sein ist also gleichbedeutend mit »Fleckfieber-frei«.

Das Fleckfieber verband sich schon etwas mit der Frage, warum die Alliierten 1918 einen Waffenstillstand mit Deutschland schlossen, anstatt es, wie 1945, zu besetzen. 1918 tobte das Fleckfieber auf dem Balkan und im Osten. In Serbien allein fielen im Jahre 1915 etwa 315.000 Menschen dieser Seuche zum Opfer. In Rußland einschließlich der baltischen Länder und Polen soll es 30 Millionen Fleckfieberfälle gegeben haben, darunter natürlich Millionen von Toten. Die Östlichen Länder waren, was die Deutschen schon damals wußten, die Länder der Läuse und des Fleckfiebers. Das galt auch für Rumänien mit damals 1 Million Fällen.

Die alliierte Führung wußte 1918, daß ein chaotisches Mitteleuropa ein von Fleckfieber heimgesuchtes Mitteleuropa sein wurde. Darum brauchte man das die Ordnung erhaltende Militär der Mittelmächte. Dieses bildete einen Cordon Sanitaire gegen die Gefahr aus dem Osten. Hätte General Pershing 1918 die Verantwortung übernehmen sollen, die etwa drei Millionen amerikanischen Soldaten in ein potentiell verseuchtes Mitteleuropa zu schicken? Ich bemerkte bei meinen Nachforschungen, weiche Bedeutung damals das Wort Fleckfieber hatte, da erst in dessen Zusammenhang etwas außerordentlich Positives über das ordnungsbringende deutsche Militär gesagt wurde. Zuvor sprach man bei den Alliierten nur von »Hunnen« und »Verbrechern«. Als dann im Juni 1919 die Wintergefahr des Fleckfiebers mehr oder weniger vorüber war, konnte General Foch wieder mit kriegerischer Stimme drohen: Ihr Deutschen unterzeichnet den Versailler Vertrag, oder wir kommen!

Entlausung in Neapel

Was aber geschah im Dezember 1943 in Neapel? Laut Nachschlagewerken und damaligen Veröffentlichungen sowie Zeitungsmeldungen brach in Neapel, das schon Monate in amerikanischen Händen war, eine Fleckfieberepidemie aus, angeblich durch heimkehrende italienische Truppen aus dem Balkan eingeschleppt. Da man damals noch nicht wußte, ob Rom zur Festung erklärt und eine Art zweites Stalingrad würde, waren im Laufe der letzten Monate des Jahres 1943 viele Menschen aus Rom nach Neapel geflüchtet: die Stadt war voller Flüchtlinge – wie später Dresden im Februar 1945. Kaum brach die Epidemie aus, als auch schon das amerikanische Militär mit dem Einsatz von DDT-Puder in schnell errichteten Entlausungsstationen reagierte. Man hatte Ähnliches schon in Nord-Afrika mehrere Monate vorher getan. Das DDT-Puder wurde zum Teil eingeflogen, so daß durchschnittlich täglich50.000 Menschen entlaust werden konnten. Der Rekord soll bei 73 000 gelegen haben. Ganz Neapel, sogar die ärmsten Viertel und die Umgebung, wurden einbezogen.

Das Verfahren war höchst einfach. 25 Menschen konnten mit einem Pfund DDT entlaust werden. Mit DDT-Blasgewehren konnten die GIs das Puder entweder den Ärmel hinauf- oder den Rücken hinunterblasen; die zu behandelnden Personen, ob Erwachsene oder Kinder, konnten dabei bekleidet bleiben. Innerhalb von wenigen Stunden waren die Läuse tot, die Kleider konnten gewaschen werden; die »Laus-freie«Wirkung blieb tagelang bestehen. Die Prozedur konnte fast zu einem lustigen Spektakel gemacht werden; so soll es vorgekommen sein, daß bei Hochzeiten das Brautpaar und alle Gäste entlaust wurden. Eine persönliche Zustimmung im rechtlichen Sinne war bei diesem rein mechanisch ablaufenden Vorgang nicht nötig. Während all der Maßnahmen infizierten sich 50 Amerikaner leicht; kein Fall verlief tödlich.
Bis Mitte März 1944 wurden angeblich 2,25 Millionen Menschen in Neapel entlaust.

Es ist anzunehmen, daß der Autor Edward I. Byng und die Leser seines Buches »A five year peace plan« dankbar zur Kenntnis nahmen, daß es 1943 in Neapel gelungen war, den »Killer Typhus« zu überwinden. Denn Byng nahm noch als selbstverständlich in seinem Buch (1943) an, daß die United Nations nach dem Kriege ein großes Problem mit der Bekämpfung des Fleckfiebers würden lösen müssen. Er meinte z.B.: »Die Besatzungstruppen der Vereinigten Nationen sollen sofort nach dem Krieg Entlausungsstationen in Polen, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Griechenland in Betrieb setzen und unter der Zustimmung von Rußland diese Maßnahmen auch an der finnisch-deutsch-ungarisch-rumänischen und russischen Grenze treffen; denn diese Grenzen werden von den Heimkehrern der Achsen-Truppen und von Zivilisten überschritten werden.« Byng behauptete, daß es zwischen 1914 und 1920 mehr Totedurch Fleckfieber gegeben habe als auf den Schlachtfeldern.

Deutsche erhielten kein DDT

15 Monate später erschienen die Fleckfieber-Schreckbilder von Buchenwald, Dachau und Bergen-Belsen!
Wie war das möglich? Die Kriegszustände erklären vieles, aber erklären sie alles?
Auf Grund des bereits Gesagten und dessen, was noch zu sagen ist, stelle ich eine These auf:

Die maßgebenden alliierten Propagandisten, die auch den militärischen Bereich fest in der Hand hatten, sorgten dafür, daß nur das Militär die Möglichkeit hatte, das Wundermittel DDT anzuwenden. Damit erlaubten sie seine Anwendung nur in Verbindung mit der militärischen Befreiung. Die allgemeine humanitäre Seite spielte keine Rolle. Man hätte manches Schreckliche in den KZs durch die Anwendung von DDT verhindern können – aber man legte großen Wert darauf, aus den deutschen KZs ein ewiges, steingewordenes und anklagendes Schreckensbild zu schmieden. Dieses Horrorbild sollte benutzt werden, um damit die Umerziehung (die Re-education) der Deutschen zu begründen und die Sieger von den eigenen Schandtaten zu entlasten. Außerdem sollte es in den eigenen Ländern den propagandistischen Effekt haben, allerlei liberale und idealistische Ziele leichter verfolgen und verwirklichen zu können. Dieses Horrorbild sollte auch gegen die Deutschen und jeden unangenehmen Nationalismus der westlichen und der kommunistischen Welt dienen als ein einheitliches, fortdauerndes Schreckensmittel!

Da die alliierten Befreier selbst fleckfieberfrei waren und nie von den deutschen Entlausungskammern gehört hatten, sie auch nicht für notwendig hielten, waren sie leichtgläubig und darum bereit, nur das Allerschlimmste von den Deutschen zu glauben. Die Propagandisten, die auch die offizielle Zensur ausübten, konnten auch eine Aufklärung über die lebensrettenden Entlausungsmaßnahmen der Deutschen verhindern und leicht eine ihren Zielen günstige propagandistisch wirksame Umdeutung erreichen, da Fleckfieber mit Phantasievorstellungen und völliger »nervlicher und geistiger Erschöpfung« (vgl. »A Textbook of Medicine«, Russel L. Cecil (Ed.), Saunders Co., Philadelphia-London 1944, S. 83) verbunden ist. Solch eine Umdeutung hatte große Langzeitwirkung, da nach 1945 zwar eine Reihe von Überlebenden der Krankheit, diese selbst aber nicht mehr vorhanden war, was die wissenschaftlichen Untersuchungen erschwerte. Daher gründeten sich die Erlebnisse des Fleckfiebers mehr oder weniger auf persönliche Zeugnisse der Überlebenden und waren somit sehr subjektiv. Es ist jedenfalls eine historische Tatsache, daß Millionen von leichtgläubigen Besuchern dieser inzwischen leeren und teilweise umgebauten KZs zu Multplikatoren des ihnen dort Gesagten wurden, Besucher, die, von einer Selbstentlastungssucht motiviert, überzeugend die angebliche Schlechtigkeit der Deutschen in aller Welt »predigen«.

Voraussetzungen des Fleckfiebers

Die Entlausung in Neapel war einfach und billig.
Wie kompliziert dagegen waren die Methoden, bevor das DDT zur Verfügung stand, und welche fast unbegrenzten
Möglichkeiten boten sie durch Umdeutung den alliierten Propagandisten, »die deutsche Bosheit zu enthüllen«?

Bei dieser Betrachtung werden wir einen amerikanischen Arzt als Zeugen heranziehen. Dr. George M. Piersol, der Verfasser des Nachschlagewerkes »Cyclopedia of medicine surgery and specialities« (1941 – also zwei Jahre vor Neapel, Verlag E A. Davis, Philadelphia), schreibt auf Seite 534 im 15. Band: »Bisher gibt es keine Therapie für Typhus… Jedoch ohne die Kleiderlaus kann der Typhus nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden, darum muß man alles versuchen, um die Menschen lausfrei zu machen und zu halten. Dies kann aber während eines Krieges oder einer Seuche schwierig sein. Jedoch muß man eine Entlausung konsequent durchführen.« Weiterhin meint dieser amerikanische Arzt, man könne auch komplizierte Bäder und Entlausungsanstalten bauen, aber es gäbe auch einfachere Methoden. Diese bestünden in der chemischen oder durch Hitzeanwendung vorgenommenen Reinigung der Bekleidung, oder in der Verbrennung der Bekleidung, während die Menschen gebadet und ganz enthaart (rasiert) werden.

Andere Sachkenner behaupten, daß die Ansteckung mit der Verschmutzung verbunden sei; der Kot der typhustragenden Läuse
bleibe sogar ansteckungsfähig in den Kleidern und Bettlaken und zwar monatelang, nachdem die Läuse tot sind.
Der Arzt Dr. Mark Boyd (Preventive medicine, WB. Saunders, 1940, wiedergedruckt 1944) spricht von der Körperlaus und meint,
man könne von ihr nicht desinfiziert werden, wenn nicht zugleich die Kleidung aller infizierten Personen desinfiziert würde.
Er bezieht auch das Bettzeug in die Desinfizierungsmaßnahmen ein (S. 281).

Das gesamte Problem der Entlausung hat dann für die Deutschen eine besondere, eine unheilvolle Bedeutung dadurch bekommen, daß es mit der Judenfrage verbunden wurde. Hier gibt es zwei entgegengesetzte Auffassungen, die der Verfechter der Vernichtungstheorie und die der Revisionisten. Die erstgenannte Meinung ist aus Zeitungen und Zeitschriften, aus Rundfunk und Fernsehen weithin bekannt. Sie beinhaltet, daß die Deutschen sechs Millionen Juden ermordet haben und diese Morde äußerlich mit Entlausungsanstalten und Ähnlichem tarnten. Es wäre für die Juden überhaupt nicht um Entlausungen gegangen, sondern um eine schon von Hitler in seinem Buche »Mein Kampf« angekündigte Vernichtung. Es sei hier um einen kleinen Krieg gegen die Juden innerhalb des großen Krieges gegangen, den Hitler gewonnen habe, obwohl er den großen verlor.

Die Lage in den Ghettos

In den letzten Jahren sind, zuerst in Frankreich, dann auch in anderen Ländern die Revisionisten aufgetreten. Sie leihen zum Beispiel der evangelischen Predigerin Martha L. Moennich ihr Ohr, d.h. sie nehmen die beschriebenen ungesunden Verhältnisse im Warschauer Ghetto zur Kenntnis. Diese schreibt in ihrem Buch »Europe behind the Iron Curtain« (1948, Zondern) in Erinnerung an ihren Besuch des Warschauer Ghettos im Jahre 1939, also unmittelbar vor dem Kriege, vor der Eroberung Warschaus durch die Deutschen, von dem Volk Gottes: »Ihre traurige Lage war schon damals (1939) zum Weinen… Sie waren zusammengepfercht in Einzelzimmerwohnungen mit großen Familien und ohne private Gelegenheiten, die zur menschlichen Sittlichkeit gehören.«

Der bekannte amerikanische Rabbiner Stephen Wise schildert in seinem Buch »Autobiography« (G. P.Putnam’s Sons, New York 1949, S. 272) seinen Besuch des Warschauer Ghettosdrei Jahre vor dem Kriege (1936), daß er schon »gedrängte und armselige Ghettos in den Großstädten anderer Länder gesehen« habe; aber das sei nichts gewesen im Vergleich zu dem Ghetto von Warschau »mit seinen allerärmlichsten Wohnungen, unterirdischen Kellerwohnungen und unvorstellbar armseligen Untergrundwohnplätzen«. An anderer Stelle heißt es:›Viele Menschen kamen Tag und Nacht nicht aus ihren Wohnungen.«

Unter Berücksichtigung dieser und ähnlicher Berichte amerikanischer Zeugen kann man durchaus dem Glauben schenken, was der deutsche Arzt Dr. J. Walbaum, Obermedizinalrat und für gesundheitspolitische Maßnahmen im Generalgouvernement (Krakau) zuständig, am 24. Mai 1940 in der Münchener Medizinischen Wochenzeitschrift Nr. 21 unter »Fleckfieber und Volkszugehörigkeit« schrieb: »Wie sehr der jüdische Bevölkerungsanteil die Gesundheitsstatistik beeinflußt, sieht man nirgends so deutlich wie beim Fleckfieber. Hier ist es so, daß man sagen kann, das Fleckfieber ist – wenigstens was die Verhältnisse in Polen anlangt – eine rein jüdische Krankheit.«

Dr. Walbaum meinte feststellen zu können, daß für den Fall, ein Deutscher würde infiziert, die Gefahr größer sei, weil bei den Deutschen nicht wie bei den Juden und zum Teil auch bei den Polen eine gewisse Immunität vorhanden sei. (Ob dies stimmt, müssen Ärzte beurteilen.) Er meinte aber, dies gilt »nicht einmal mit gewissen Einschränkungen, sondern fast absolut. Im Generalgouvernement haben im letzten halben Jahre alle Fleckfiebererkrankungen ohne Ausnahme ihren Ursprung in jüdischen Kreisen gehabt. Wenn mal der eine oder andere Fall bei Polen vorkam, so war sein Ursprung so gut wie immer durch die Juden nachzuweisen… Bei den beobachteten Epidemien begann das Fleckfieber stets im Ghetto, breitete sich dort aus und sprang dann auf einzelne Häuser außerhalb des Ghettos über… Zum Teil war der Kontakt durch jüdische Ärzte geschehen, so daß ich Anordnung geben mußte, die Behandlung von Polen durch Juden nach Möglichkeit zu vermeiden und Juden durch Juden und Polen durch polnische Ärzte behandeln zu lassen.« (S. 568).

Als dann im Jahre 1940 sich die deutschen Behörden in Warschau dazu entschlossen, den sogenannten jüdischen Distrikt mit einer Mauer zu umgeben, rechtfertigte Dr. J. Walbaum dies damit, daß er feststellte, alle anderen Maßnahmen hätten sich als unzureichend erwiesen. Die Deutschen mußten »zur Abriegelung der Wohnungen übergehen, und so kam es, daß ganze Wohnviertel oder Straßen hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen werden mußten, wobei natürlich für die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung gesorgt wurde. Daß diese Regelung fast ausschließlich Juden betraf, lag nur an den tatsächlichen Verhältnissen« (S. 568).

Im übrigen ahnte dieser Gesundheitsbeamte bereits, welche propagandistischen Gefahren diese Maßnahmen mit sich brachten.
»Hieraus etwa entspringende Gräuelmärchen, mit denen man bei der Berichterstattung des Auslandes
ja immer rechnen muß, lassen sich mit Leichtigkeit widerlegen, da es sich um eine Maßnahme handelt,
die wir im Interesse der übrigen Bevölkerung ergreifen mußten«
 (S. 568).

Ähnlich wie Dr. Walbaum argumentierten auch Prof. Dr. E. Zimmermann (»Epidemiologie des Fleckfiebers im Gen.Gouvernement« in
»Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten«, Bd. 123, 5. Heft, Springer-Verlag, Berlin 1942, S. 552 ff.) und Gollert in
»Warschau unter deutscher Herrschaft«, (Burgverlag, Krakau GmbH, 1942); im letzteren findet man zwölf Bilder vom ummauerten Ghetto, außerdem ebenfalls die Behauptung, gesundheitliche Gründe seien dafür ausschlaggebend gewesen.
– Wie in Warschau verfuhren die Deutschen auch in anderen Städten im Osten.

Man könnte bei den eben erwähnten Feststellungen Walbaums, Zimmermanns und Gollerts kritisieren, daß es
Äußerungen deutscher Ärzte seien, deren Wahrheitsgehalt während eines Krieges angezweifelt werden könnte.
Aber es gibt auch jüdische Stimmen, wie etwa die von Mietek Eichel.
Eichel war neun Jahre alt, als die Deutschen nach Warschau kamen, und er schrieb seinen Bericht in ›The roots and the bough«
(verfaßt von Leo W. Schwarz, Rinehart u. Co., New York-Toronto). Der Bericht erschien erst 1949war aber
bereits vor 1947
 von Eichel geschrieben worden, und zwar für die Lubliner Geschichtliche Kommission.
Dem Zitat möchte ich eine kleine Bemerkung vorausschicken. Eichel schrieb, daß die Deutschen im Jahre 1941 das Ghetto absonderten;
in Wahrheit wurde es aber schon 1940 ummauert; außerdem spricht er vom »Ghetto«, die Deutschen aber nannten es »Distrikt«.

»Fleckfieber tobte wild«, so heißt es in Eichels Bericht (S. 284). »Wenn jemand erkrankte, schlossen die Deutschen die Haustür und hängten das Schild ›Fleckfieber‹ daran. Ein jeder wurde desinfiziert, die Strohsäcke wurden verbrannt, und das Bettzeug und das Zubehör wurden entweder gekocht oder verbrannt. Die Kranken brachte man ins Krankenhaus, die Zurückbleibenden wurden für zwei Wochen unter Quarantäne gestellt. In der Zwischenzeit sind die meisten verhungert.«

Eichels Feststellungen bedürfen einer kritischen Anmerkung.
Wenn er schreibt, die Deutschen hätten die betreffenden Maßnahmen durchgeführt, so kann das kaum stimmen; denn sie hatten die gesundheitlichen Regelungen den Juden übergeben. Es gab im jüdischen Distrikt, wenn überhaupt, nur wenige Deutsche vor dem großen Aufstand am 19. April 1943, da es doch im allgemeinen den deutschen Streitkräften an Ärzten und Krankenhelfern mangelte. Auch daß Eichel, wie oben schon gesagt, statt des Jahres 1940 das Jahr 1941 nennt, könnte von Bedeutung sein; denn bis Ende 1941 waren die gesundheitlichen Probleme leichter lösbar, da bis Amerikas Eintritt in den Krieg, Dezember 1941, Hilfe für polnische Juden aus Amerika und vom Roten Kreuz zur Verfügung stand.
Aber schon nach dem Beginn des Rußlandfeldzugs haben sich die Bedingungen außerordentlich erschwert.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 36(2) (1988), S. 7-10

Schwabe

Zitat:

Zur Frage der Fleckfieberepidemien im Zweiten Weltkrieg, Teil 2

Warum wurde das DDT so spät eingesetzt?

Professor Dr. R. Clarence Lang

Nachdem der US-Wissenschaftler im ersten Teil dieser Studie die allgemeinen Tatsachen über das Fleckfieber in Osteuropa behandelt hat,
betrachtet er nachfolgend die betreffenden Vorgänge während des Zweiten Weltkrieges, insbesondere gegen dessen Schluß, und untersucht
auch die Frage, ob hier das Internationale Rote Kreuz und die Kirchen versagt haben.

1941 und in den folgenden Jahren kamen Millionen von Kriegsgefangenen, Millionen von Flüchtlingen, Umsiedlern, Zwangsarbeitern in die von Deutschland kontrollierten Gebiete und in das Reichsgebiet. Verschiedene Sprachen erschwerten die gegenseitige Verständigung, Mißverständnisse waren nicht zu vermeiden und führten zu Entwicklungen, die durch die Unmöglichkeit, unter den kriegsbedingten Verhältnissen die Menschenmassen menschenwürdig zu betreuen, sich zu katastrophalen Verhältnissen in manchen Lagern ausweiteten. Dazu kamen Kriegspropaganda, Sabotage, Partisanenkrieg, der Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung und machten den Krieg zu einem schmutzigen Krieg, den Terror zu einem verabscheuungswürdigen notwendigen Kriegsinstrument.

Daß die Deutschen unter diesen Umständen auch noch den lebensnotwendigen Kampf gegen das Fleckfieber führen mußten, erleichterte es der Feindpropaganda, die Entlausungsmaßnahmen zu Vernichtungsmaßnahmen umzudeuten. Dabei ist wieder zu beachten, daß die Westalliierten niemals derartige Gesundheitsmaßnahmen durchzuführen brauchten, sich vielfach auch keine Vorstellung von dem zu machen wußten, was eine größere Entlausungsanstalt an Anlagen benötigte, bevor es DDT gab.

Diese Anstalten zu »Todesfabriken« umzufunktionieren war ein Schachzug der Feindpropaganda, der den Partisanen und den Untergrundkämpfern (auch denen, die in den Lagern um ihr und das Leben ihrer Mitgefangenen rangen) die nötige Härte und psychische Widerstandskraft gab, indem man sich und anderen einredete, die Deutschen würden sowieso alle versklaven und am Ende umbringen.

Man bekommt Einblicke in die damalige Situation, wenn man die Literatur über den Untergrundkampf betrachtet.
Die Bibliothek der UNO in Genf bietet dem Forscher dafür einige Möglichkeiten.
Da liest man etwa (ich sage es in meinen Worten):
Solltest du dich in deutscher Gefangenschaft, im Zwangsarbeiter- oder im Konzentrationslager befinden oder dazu Verbindung haben, so muß du soviel aktive und passive Sabotage treiben wie möglich. Spiele krank, so oft wie möglich; solltest du in die Krankenabteilung kommen, huste andere an, vor allem Deutsche. Benutz unnötig viel Wasser, besonders warmes. Weigere dich mitzuarbeiten, halte alles schmutzig, besonders die Toiletten. Wenn dir etwas erklärt wird, so tue, als wenn du es nicht verstehst, so daß es dir immer wieder erklärt werden muß. Falls du Deutsch lesen kannst, so laß es dir nicht anmerken. Verbreite die tollsten Gerüchte; hörst du etwas Negatives, so verschlimmere es und bekräftige es. Solltest du dich in einer wichtigen Poststelle befinden, so ändere Telegramme, verwechsle Briefe, ändere Befehle, beschädige Telefone und gib falsche Pässe aus (so gaben z.B. Priester, sofern es überhaupt Priester waren, Ungetauften gültige Taufscheine).

Partisanen wurden angewiesen, sich als SS-Männer zu verkleiden; offenbar sind ihnen dadurch entscheidende Sabotageakte geglückt.
So wird vom Warschauer Aufstand1943, behauptet, daß etwa 500 Aufständische SS-Uniformen trugen und so im Namen der SS
und der Deutschen eine Reihe von Maßnahmen unerkannt durchführen konnten und daß die Aufständischen diejenigen umbrachten,
die mit den Deutschen zusammenarbeiteten.
In einem Flugblatt der Partisanen las ich, daß sie einen deutschen Militärzug mit Bekleidung und Uniformen
zur Entgleisung gebracht hatten (in Ruthenien, vor 1943, denn aus diesem Jahre stammt das Flugblatt).
So konnte man nun, wenn es zweckmäßig erschien, sich der deutschen Uniformen
bedienen und alles im Namen der Deutschen und Deutschlands machen.

Deutsche Entlausungsaktionen

Der amerikanische Ingenieur Friedrich Berg gibt einen Einblick in die Entlausungsmethoden der Deutschen während des Zweiten Weltkrieges in seinem Vortrag vor dem Institute for Historical Review (Frühjahrsheft 1986; vgl. auch mein Bock Review im Journal of Historical Review, Winter 1986/7, über »Warschau unter deutscher Herrschaft« von Fr. Gollart, 1941).

Herr Berg hat außerdem für die Amerikaner einen Vortrag von einem Emil Wuestinger, ebenfalls Ingenieur, ins Englische übersetzt.
Er wurde am 27./28. Januar 1944 in Frankfurt/M. gehalten. Wuestinger versuchte, seine Zuhörer davon zu überzeugen,
daß die »hydrocyanic acid«-Methode mit dem Zyklon B nicht gefährlich sei und Vorteile habe vor den Dampf- oder Hitzemethoden.
Als Beweis führte er an: »Während des Krieges (also bis Januar 1944) wurden Kleider und Instrumente für etwa 25.000.000
Menschen mit Hydrocyanid« ausgeräuchert, und es sind noch keine Unfälle ernsterer Art gemeldet worden.«

Der Amerikaner Berg behauptete, daß diese Zahl auch bei Gerstein vorkomme.
Aber da waren es 25.000.000 vergaste Menschen!
Es gäbe einiges zu überlegen.

Trotz der Geheimhaltung des Vorhandenseins von DDT durch die Amerikaner – aber wer konnte dies schon geheimhalten,
wenn 21/4 Millionen Menschen allein in Neapel damit entlaust wurden – wissen wir, daß die Deutschen auch schon DDT hatten,
ja sogar »Lauseto«, das ebenso gut, wenn nicht besser war.

Aus dieser Tatsache ergeben sich zwei Fragen:

1. Wenn die Deutschen doch schon DDT hatten, warum haben sie die veralteten, umständlichen Desinfektionsmethoden weiterhin verwandt?
Ob diese Frage schon erforscht wurde, weiß ich nicht. Ich stimme mit der These von Herrn Berg überein, daß es 1944 nicht mehr möglich war, auf das neue Mittel überzugehen; denn die benötigte Menge an DDT und Lauseto war wegen der alliierten Bombenangriffe auf die deutschen chemischen und pharmazeutischen Anlagen kaum herzustellen.

2. Wenn die Deutschen, die Russen und die Westalliierten DDT hatten, warum war es weiterhin nötig, dieses Mittel als militärisches Geheimnis zu behandeln? Könnte es sein, daß man seitens der Amerikaner daran festhielt, um einem potentiellen Druck durch die Kirchen und die internationalen Hilfsorganisationen zu entgehen? War denn die Entdeckung des DDT – trotz des Krieges, besonders da man sich des Sieges sicher war – nicht ein Durchbruch im Interesse der ganzen Menschheit?

Diese Frage wird gestellt im Namen von denen, die in den Lagern in Deutschland
an Fleckfieber starben und, wenn dem so ist, eines unnötigen Todes starben.

Die Entlausung mit Hilfe von DDT hätte nicht unbedingt bis zum Zeitpunkt der Besetzung
der jeweiligen Gebiete durch die Alliierten hinausgeschoben zu werden brauchen.
Roosevelt hätte sich als ein Menschenfreund und großer Staatsmann erwiesen,
wenn er das DDT den internationalen Hilfsorganisationen und/oder Zivilbeamten überlassen hätte.
Man hatte das DDT ja »in Hülle und Fülle«, brauchte zur Anwendung keine Spezialisten.
Von der Anwendungstechnik her gesehen wäre es möglich gewesen,
ganz Europa vor der großen Fleckfieber-Epidemie im Winter 1945 zu bewahren.

Man denkt dabei an Dachau, wo man (laut »Das aufgebrochene Tor – Predigten und Andachten gefangener Pfarrer im KZ Dachau«,
Neubau Verlag, München, März 1946) am 16. Februar 1945 die Andacht las »zur Zeit der Fleckfieberepidemie«.
Zwar wurde da von der Menschenvernichtung durch Gaskammern gesprochen, die es erwiesenermaßen dort nicht gab, aber »als am 29. April 1945 * Klick * die Amerikaner das Lager befreiten, lagen am Krematorium noch 3.000 unbestattete Leichen«, die der Autor des Buches selbst gesehen habe, dazu hätten auf dem Bahnhof Dachau noch viele mit Leichen aus anderen Lagern gefüllte Waggons gestanden.
Allerdings sagte ein mir gut bekannter Amerikaner, er habe am Tage nach der Befreiung nur sechs oder sieben Waggons gezählt.
(Anm.: Auf den unzähligen Bildern des “Todeszuges” sind auch nie mehr als diese Anzahl erkennbar – was allerdings nichts beweist.)
G.S. Graber meinte in seinem Buch »History of the SS« (New York, 1978), daß die Deutschen beim Näherkommen der russischen Front,
die KZ-Gefangenen allmählich ins Reich brachten, und diese »brachten das Fleckfieber mit sich« (S. 166).

Hätten nicht internationale Hilfsorganisationen, vor allem das Rote Kreuz,
lange vorher das DDT für die Lager, besonders für Bergen-Belsen,
zur Verfügung stellen müssen, was doch möglich gewesen sein muß, da wir wissen,
daß es noch im Januar 1945 Ausreisen von Bergen-Belsen in die Schweiz gegeben hat?

Kann man dies alles mit dem Begriff »totaler Krieg« * Klick * zudecken?
Kann man so tun, als ob man überhaupt keine Verbindung gehabt hätte?
Gab es nicht einflußreiche neutrale Länder, vor allem die Schweiz, aber auch Schweden,
Portugal, Nordirland, die Türkei und Spanien wie auch Länder in Lateinamerika?
Es gab auch Exilregierungen, die vieles über die Lage in den besetzten Ländern durch aktive Untergrundbewegung kannten.
Außerdem gab es die Quäker, die Mennoniten und die Adventisten, die, obwohl sie aus religiösen
Gründen Kriegsdienstverweigerer waren, zu solchen humanitären Diensten bereit gewesen wären.

Vielleicht hat es energische Versuche von Seiten der Hilfsorganisationen gegeben, die noch nicht bekannt, noch nicht erforscht sind.
Aber ich glaube es kaum; denn das hätte das Ohr der Verantwortlichen in Washington gefunden, wie der Congressional Record (S. 6681/2)
auf Grund einer Debatte im House of Representatives vom 28. Juni 1943 beweist.
Damals suchten einflußreiche Amerikaner die Unterstützung des Roten Kreuzes zu erreichen.
Man versuchte, die Blockade der UNO teilweise aufzuheben, um Hilfsmaßnahmen in den besetzten Gebieten in Europa durchführen zu können.

Dafür setzten sich erfahrene Politiker ein, wie etwa der Abgeordnete Herter von Massachusetts, der 1916/17 Attaché in Berlin und mit Herbert Hoover im European Relief Committee in und nach dem Ersten Weltkrieg gewesen war. Hoover hat sich bekanntermaßen außerordentlich für humanitäre Hilfen eingesetzt. Weiter waren unter den Rednern auch Carl Thomas Curtis von Nebraska, Mr. Horan vom Staate Washington, Walter Judd von Minnesota und der einflußreiche Republikaner Harold Knutson, ebenfalls aus Minnesota.

In dieser Debatte vom 28.06.43 nahm man die Hilfsmaßnahmen in Griechenland (in den Jahren 1942/43) als Beispiel.
Die schwedische Regierung hätte dafür gesorgt, daß die Hilfsgüter nicht in die Hände
der Deutschen gefallen wären, so stellen sogar die Dokumente vom State Department fest.
Auch im besetzten Frankreich wurden Nahrungsmittel für 20.000 Menschen verteilt.
»Schließlich«, so meinte der damals noch junge Abgeordnete Judd, »kämpfen wir doch nicht, damit wir die Freiheit für Tote gewinnen!«
Dann ergriff Harold Knutson, skandinavischer Abstammung, schon seit 1917 im US-Kongreß und einflußreicher Republikaner, das Wort und sagte: »So ist es! Wieviel besser wäre es, wenn wir gesunde und lebenstüchtige Menschen vorfinden würden, wenn wir angreifen, anstatt solche Menschen, die hoffnungslos und verpestet sind und ganz und gar außerstande, uns zu unterstützen.« Er behauptete auch, daß Deutschland damit einverstanden sei, unter Aufsicht des Internationalen Roten Kreuzes oder einer ähnlichen Hilfsorganisation Hilfsgüter hereinzulassen, also so, wie man es zu jener Zeit in Griechenland machte. Die technischen Probleme seien leicht zu lösen. Finanzielle Mittel, so meinte der Kongreßangehörige, seien auch kein Problem, da doch Länder wie das damals von den Deutschen besetzte Norwegen in Amerika etliches beschlagnahmtes Eigentum hätten.
– Und dann endete vorwurfsvoll: »Alles beruht auf dem Einverständnis der Herren Roosevelt und Churchill.
Ein Wort von nur einem von ihnen könnte allen Schrecken des Hungers und der Verpestung
aus Polen, Finnland, Norwegen, Dänemark und den Niederlanden verbannen.
Werden Roosevelt und Churchill sich dieser Aufgabe gewachsen zeigen? …
Die Zukunft der weißen Zivilisation ruht in ihren Händen!«

Auch in England gibt es eine ähnliche Stimme, die des Bischofs von Chichester, George Bell.
Ein Ausschuß, in dem er tätig war, beendet seinen Bericht über die Befreiung Europas im Jahre 1945 mit den Sätzen:
»Es dürfte doch für intelligente Menschen ganz klar sein, daß unsere Blockade des Kontinents Europa für unsere Freunde und Alliierten nur eine unbegreifliche Tortur und Elend bringen und unseren Feinden nur wenig schaden würde… Es kann bewiesen werden, daß unsere Lebensmittelblockade den Krieg um keine Stunde verkürzt hat… Die Geschichte wird unsere Regierung streng wegen ihrer sinn- und zwecklosen Beharrlichkleit verurteilen, an der Politik der Nahrungsmittel-Blockade festgehalten zu haben« (S. 266).

Was die Hilfsorganisationen im Sinne hatten, ergeht aus Jan-Albert Goris Buch »Belgium in Bondage« (L.B. Fischer, New York 1943, S. 217):
»Die belgische Regierung (im Exilhat schon seit mehr als drei Jahren die Organisationen der Alliierten ersucht,
wenigstens Milch und Vitamine nach Belgien zu schicken, ohne Erfolg. Nur einige Medikamente wurden geschickt.«

Hier ging es um Milchpulver, Vitamine, Obst – also Nahrungsmittel, die man sofort
verbrauchen muß, die deshalb den Deutschen militärisch nicht geholfen hätten.

Kann es wirklich möglich sein, daß das Internationale Rote Kreuz nicht alles versucht hat,
das DDT über neutrale Länder für den Einsatz in Lagern zu vermitteln?
Sollte es denkbar sein, daß seine maßgebenden Vertreter sich zu einem höchst fragwürdigen »gentlemen’s agreement«
überreden ließen, nämlich eher ein ewiges Mahnbild deutscher Schuld entstehen zu lassen als Menschenleben zu retten?

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Haben Rotes Kreuz und Kirchen versagt?

Der Kieler Theologe Dr. Walter Bodenstein hat in seinem Buch »Ist nur der Besiegte schuldig?« (1985) bewiesen, wie die Alliierten sogar die leitenden Männer der deutschen evangelischen Kirche unter Druck setzten: daß es keine über die Kirche zu leitenden Hilfsgüter für das ausgebombte Deutschland geben würde, wenn sich die evangelische Kirche Deutschlands nicht zu einem schriftlichen Bußwort bereit finden werde.
Nun ist die Frage: Hat man zuvor schon Ähnliches mit anderen humanitären Hilfsorganisationen, etwa mit dem Roten Kreuz, versucht?
Waren hier schon Vorstellungen wirksam, die zuerst die Umerziehung Deutschlands und dann die Umerziehung der ganzen Menschheit
im Auge hatten (Das wäre eine besondere Variation des so oft gehörten »Heute Deutschland, morgen die ganze Welt«).

Wir wissen heute, daß vor dem Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945 ganz bestimmte Vorstellungen bestanden, die mit dem Morgenthau-Plan verbunden waren, nämlich, daß die evangelischen Kirchen Deutschlands, besonders die lutherische Kirche, eine allgemeine
deutsche Schuld anerkennen müßten, bevor es eine organisatorische und damit verbunden eine materielle Hilfe geben könne.

Es gibt Verdachtsmomente auch für das Rote Kreuz und sein Verhalten.
Denn aus Büchern wie dem des Schweizers Dr. Marcel Junod (»Warriors without weapons«, 1951) erfährt man,
daß es zwischen dem Roten Kreuz und dem Dritten Reich bis zum Mai 1945 Verbindungen gegeben hat.
Als Beamter des Roten Kreuzes war Junod angeblich fünfmal während des Krieges in Deutschland,
hatte auch stets Verbindungen zu den alliierten Kriegsgefangenen in Deutschland.
Schiffe des Roten Kreuzes landeten immer wieder in Portugal, in Schweden und in der Türkei.
Ein Beispiel nur:
Das Schiff »Henri Dunant« brachte bis 1944 400.000 Tonnen Lebensmittel, 33 Millionen Pakete
und 130.000 Tonnen Medikamente (!), die über Lissabon nach Deutschland gelangten.
Solche Schiffe hatten Geheimsignale mit den deutschen U-Booten und den Alliierten ausgearbeitet, die auch respektiert wurden.
Die Deutschen haben kein einziges dieser Schiffe versenkt.

Es gibt weitere Beweise, daß diese Verbindungen bestanden, und zwar auch in dem Buch
»To dwell in Safety« (The Jewish Publication Society of America, 1948) von Mark Wischnitzer.
Da heißt es, zwei Gruppen von Juden aus Ungarn wurden aus dem KZ Bergen-Belsen
kurz vor Kriegsende nach der Schweiz zum Austausch gebracht. Es waren 1.673 Menschen.
Im Februar 1945 konnten 1.200 Juden aus dem Lager Theresienstadt in die Schweiz ausreisen.

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Wir wissen heute dank der Veröffentlichung »The Work of the ICRC (Rotes Kreuz) for civilian Detainess in German Concentration Camps from 1939 to 1945)« (Genua 1975, S. 25), daß an Paketen »vom 12. Nov. 1943 bis 8. Mai 1945, etwa 75.100, die etwa 2.600 Tonnen wogen« vom Roten Kreuz an Insassen von Konzentrationslagern geschickt worden sind.
Näheres wird dazu nicht angegeben.

Es gab also diese Verbindungen. Das geht auch aus dem Buch von Junod hervor:
Während der allerletzten Kriegsmonate, unter dem Bombenhagel der Luftangriffe und der Erschütterungen der kommenden
Niederlage waren die weißen Wagen des Internationalen Roten Kreuzes in Deutschland auf den Straßen zu sehen.«

Daß hier den Inhaftierten in den KZ geholfen wurde, erweisen die Worte:
»Die Gruppen von Schweizer Freiwilligen, unterstützt von Kanadiern, Franzosen und amerikanischen
Kriegsgefangenen, eilten den Opfern der Gaskammern und Krematorien zu Hilfe, um sie zu retten.«

Hatten diese Wagen keinen Platz für DDT gehabt?

Das Buch von Dr. Junod schließt dieses Kapitel mit den Worten:
» … dies (die Verbindungen mit Deutschland sind gemeint) ist eine außergewöhnliche
Geschichte, die eines Tages erzählt werden wird von jenen, die es erlebt haben.«

– Doch darauf wartet die Welt heute noch!

Es ist schon 35 Jahre her, daß dies Buch geschrieben wurde, 42 Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen, aber die Geschichte ist immer noch nicht erzählt worden. Vergessen wurde, in dem Buch davon zu berichten, welch heftige Debatte im amerikanischen Kongreß um die Erleichterung der UNO-Blockade geführt wurde; kein Wort wurde gesagt von dem Famine Relief Committee, das bis zum Kriegsende alles versuchte, um hier zu einer Milderung der Bedingungen zu kommen, und im letzten Bericht, Tage vor Kriegsende, meinte: »Die Geschichte wird unsere Regierung
(die englische) scharf verurteilen wegen ihrer unnützen (futile), hartnäckigen Politik der totalen Blockade der Nahrungsmittel.«

42 Jahre nach diesen Worten ist zu fragen: »Wo sind diese Historiker besonders unter den Deutschen?«
Es scheint für die Deutschen leichter zu sein, Schuldgefühle zu pflegen und ein unnötiges, mittelalterliches Selbstgeißeln
zu betreiben sowie aus Deutschland eine Geißelbruderschaft zu machen, als ihre Geschichte wirklich zu erforschen.
Dies ist besonders auffallend, da doch ein Nachfolger des Kriegspräsidenten Roosevelt,
Ronald Reagan, diese Gefühle als »aufgezwungen« (imposed) und »unnötig« bezeichnete.

Forschung in Fesseln

Vor vier Jahren wollte ich einiges über diese »außergewöhnliche Geschichte« in der Hauptbibliothek in Genf erfahren.
Von einem Kenner der Verhältnisse wurde mir gesagt, daß es unmöglich sei, darüber Nachforschungen
anzustellen, da das historische Material des Zweiten Weltkrieges vielfach noch unter Verschluß sei.
Im Sommer 1986 sprach ich mit einem Privatdozenten für neuere Geschichte in Genf darüber.
Er behauptete zu wissen, daß man vor kurzem eine begrenzte Erlaubnis für Forschungszwecke gegeben,
sie aber sofort wieder zurückgezogen habe, da die ersten Ergebnisse so erschütternd waren.
Dies für uns Wissenschaftler gesperrte Material ist anscheinend zu günstig für die Deutschen, um es freizugeben.
Es würde die Deutschen entlasten.

Wir fassen zusammen:

1. Nach Neapel, 1943, waren die Technik und der Vorrat da, schon vor der endgültigen Besetzung

Deutschlands und der von ihm eroberten Gebiete das Fleckfieber durch DDT auszurotten.

2. Dies wurde dadurch verhindert, daß man das DDT zu einem militärischen Geheimnis erklärte.

3. Anscheinend wurden keine ernsthaften Versuche von den neutralen Ländern, von den Kirchen oder
den Hilfsorganisationen unternommen, dagegen zu protestieren oder wenigstens dem Militär ins Gewissen zu reden.

4. Falls die Kirchen und das Rote Kreuz keine ernsthaften Versuche in dieser Richtung unternommen haben,
so haben sie ihre Verpflichtungen gegenüber der Menschheit verletzt.

5. Ausreden derart, es habe keine Möglichkeiten gegeben, mit
dem Dritten Reich in Verbindung zu treten, sind nicht überzeugend.
Es gab keine Möglichkeiten, weil man keine wollte!

6. Wenn dem so ist, dann kann man ab 1944 von einer bakteriologischen Kriegführung sprechen,
bei der man unschuldige Menschen als Propagandafutter benutzte.
Denn nicht zu helfen ist in solchen Fällen auch Töten.
Eine derartige alliierte Kriegführung würde dann mit der Gesinnung übereinstimmen,
die zur sinnlosen Bombardierung von Dresden führte.

7. Sollten unsere Vermutungen im wesentlichen zutreffen, so wirft das tiefe Schatten auf die Alliierten.

Was der deutsche militärische Gegner tat, stand hauptsächlich unter dem Gedanken,
daß durch absolute Pflichterfüllung vielleicht doch noch der Sieg zu erringen sei.
Für die Alliierten jedoch war der Sieg nur eine Zeitfrage; ihr Streben danach
ist keine Entschuldigung für die Unterlassung humanitärer Hilfsmaßnahmen.

8. Es ist heute an der Zeit, nicht nur von Stalingrad, Dresden, Hiroshima
und Nagasaki zu sprechen, sondern auch von Neapel im Dezember 1943.

9. Mit unserem Thema im Zusammenhang steht die sogenannte deutsche Schuldfrage.
Von einem der Nachfolger Präsident Roosevelts wurde am 5. Mai 1985 in Bitburg betont:
Er glaube nicht an die Kollektivschuld!
Damit gab er den entscheidenden Hinweis für die Historiker, für die es nur
die Aufgabe geben kann, die Wahrheit zu erforschen und zu veröffentlichen.

REUBEN CLARENCE LANG, Professor Dr. phil., geboren 1925 in North Dakota als Sohn rußlanddeutscher Eltern, Studium der Geschichte und Theologie in USA und Deutschland (Kiel), luth. Pfarrer in Kanada und USA, Professor für Geschichte an verschiedenen Hochschulen, ab 1972 in Seguin, Texas. Er schrieb u.a.: »Die Geschichte der Buffalo Synode bis 1866«,»The Foreign Policy of Gustav Stresemann« und »Das Bild Deutschlands in der Öffentlichen Meinung der Vereinigten Staaten von Nordamerika in den Jahren von 1918-23«, daneben Zeitschriftenartikel.

Literatur:

  •  Berg, Friedrich, in: The Journal of Historical Review, Costa Mesa (USA), Frühjahresheft 1986.
  •  Bodenstein, Walter: Ist nur der Besiegte schuldig? Herbig-Verlag, München-Berlin 1985
  •  Boyd, Mark: Preventive Medicine. W.B. Saunders, Philadelphia-London 1940, Neudruck 1944.
  •  Bynd, Edward I.: A five Year Plan, Coward-McCann Inc., New York 1943.
  •  Comite International (Hrsg.): The Work of the ICRC for civilian Detainess in German Concentration Camps from 1939 to 1945. Genua 1975.
  •  Congressional Record über Debatte des Repräsentantenhauses vom 28.06.1943
  •  Das aufgebrochene Tor, Neubau-Verlag, München 1946.
  •  Gollert, Friedrich: Warschau unter deutscher Herrschaft. Burg-Verlag, Krakau 1942.
  •  Goris, Jan-Albert: Belgium in Bondage. L.B. Fischer, New York 1943.
  •  Graber, G. S.: History of the SS, New York 1978
  •  Jasper, Ronald C.D.: George Bell, Bishop of Chichester. Oxford Univ. Press, New York-Toronto 1967.
  • Journal of Historical Review, Costa Mesa, Cal. (USA)
  •  Junod, Marcel: Warriors without Weapons. The Macmillan Co, New York 1951
  •  Moennich, Martha L.: Europa behind the Iron Curtain. Zonder. vin Co. Grand Rapids, Mich. (USA) 1949
  •  Piersol, George M.: Cyclopedia of Medecine and Surgery and Specialities. Band 15, EA. Davies, Philadelphia (USA). 1941.
  •  Radcliff, John C. (Hrsg.): The Science Yearbook of 1945. Donbleday, New York 1945.
  • Schuyler, William M. (Hrsg.): The American Year Book. A Record of Events and Progress for the Year 1944.
  • Thomab Nelson u. Sons, New York 1945.
  •  Schwarz, Leo W.: The Roots and the Bough. Rinehart u. Co.. New York 1949.
  •  Walbaum, J.: in: Münchener Medizinische Wochenzeitschrift Nr. 21 vom 24.5.1940.
  •  Wischnitzer, Mark: To dwell in Safety. The Jewish Publication Society of Amerika, 1948.
  •  Wise, Stephan: Challenging Years. The Autobiography. G.P. Putnam’s Sons, New York 1949.
  •  Zimmermann, E.: Epidemiologie des Fleckfiebers im Generalgouvernement, in: Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten,
  • Band 123, Nr. 5, S. 55ff., SpringerVerlag, Berlin, 1942.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 36(3) (1988), S. 8-13






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Kopiert von Schwabe 9/26/08.

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